Soziale Bewegungen und politische Erwachsenenbildung
Eine Vortragsreihe der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung (ÖGPB) in Kooperation mit dem Depot und dem Institut für Wissenschaft und Kunst (IWK)
Politische Erwachsenenbildung verschreibt sich der Aufgabe, bestehende politische Ordnungen zugleich verständlich und kritisierbar zu machen. Jüngere Ansätze wiederum erblicken die Hauptaufgabe der politischen Bildung in der Kompetenzsteigerung von Individuen – damit sie sich als Bürgerinnen und Bürger in diesen politischen Ordnungen zurechtfinden und daran teilhaben können.
Seit jeher stellen unterdessen soziale Bewegungen, die sich just an der radikalen Kritik des Bestehenden entzünden, eine Quelle für die Vermittlung des Politischen dar: sei es in Form eines Vermächtnisses (historisches Wissen, politische Erfahrungen, Theoriebildung) oder als Ermächtigung von Unterdrückten, Ausgeschlossenen und Diskriminierten. Soziale Bewegungen spielen aber auch im Rahmen der formalen politischen Bildung eine wesentliche Rolle – als Anschauungsbeispiele ebenso wie bei Paradigmenwechseln dieser Disziplin.
Die Österreichische Gesellschaft für Politische Bildung setzte ihre seit 2010 in Kooperation mit dem Institut für Wissenschaft und Kunst veranstalteten Vortragsreihen zur politischen Erwachsenenbildung 2012 mit dem Schwerpunkt „Soziale Bewegungen“ fort. Im Wiener Depot, das als weiterer Kooperationspartner gewonnen werden konnte, fanden im Herbst/Winter 2012 unter dem allgemeinen Titel „Soziale Bewegungen und politische Erwachsenenbildung“ vier Vorträge statt.
Mi., 24. 10. 2012 Hans Christian Voigt: Social Media und soziale Bewegungen
Das Internet bietet sozialen Bewegungen niedrigschwellige Werkzeuge und Plattformen. Social Media scheinen Verstärkungs- und Katalysatorwirkung zu entfalten. Diese funktionalen Aspekte vernachlässigen den Umstand, dass „das Netz“ seit gut 20 Jahren auch auf Vergesellschaftungsprozesse wirkt und zu neuartigen Vergesellschaftungsformen führt. Davon geben Begriffe wie New Economy, Web 2.0, die Rede von der „Cloud“, die Neukonnotation von Sozialen Netzwerken ebenso Zeugnis wie die Phänomene Wikipedia, Anonymous und Piratenparteien; aber auch #unibrennt, #Stuttgart21, #occupy ...
Hans Christian Voigt ist Soziologe aus Wien mit besonderem Interesse für Bedingungen der Dissidenz in sozialen Systemen und Herausgeber des Cross-Media-Handbuchs „Soziale Bewegungen und Social Media“. www.sozialebewegungen.org
Di., 13. 11. 2012 Birgit Sauer: Feministisches Wissen und Politik
Soziale Bewegungen öffnen Räume, in denen alternatives Wissen gemeinsam produziert wird – Wissen, das Politik und Gesellschaft verändern soll. In diesem Sinne sind soziale Bewegungen genuine Orte des kollektiven Lernens. Diese Lern- und Emanzipationsprozesse und das Wissen sozialer Bewegungen können freilich im Raum des politischen Diskurses herrschaftlich vereinnahmt werden. Diese Paradoxie von Lernen und Wissen soll am Beispiel der österreichischen Anti-Gewalt-Bewegung dargestellt werden.
Birgit Sauer ist Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Wien. www.birgitsauer.org
Mi., 28. 11. 2012 Robert Foltin: Autonome soziale Bewegungen und Demokratie
Soziale Bewegungen wie die der Studierenden bei „unibrennt“ im Jahre 2009 können als Lernorte für Prozesse gelten, die zu mehr Beteiligung der Vielen hinführen und auf die Probleme und Schwächen der repräsentativen Demokratie hinweisen. Diese „großen“ Bewegungen haben allerdings Organisationsformen aufgegriffen, mit denen in einem kleineren Ausmaß bereits in autonomen und anarchistischen Strukturen und Projekten, besonders aber bei Besetzungen von Häusern und Plätzen, experimentiert wurde.
Robert Foltin studierte Sprachwissenschaft und Philosophie und ist Redakteur und Autor der grundrisse.zeitschrift für linke theorie und debatte. Er arbeitet zu politisch-gesellschaftlichen Grundlagen des Kapitalismus und zu sozialen Bewegungen. robertfoltin.net
Mo., 10. 12. 2012 Lena Freimüller: Frieden Bewegung Bildung
Der Begriff Friedensbewegung ist oft Auslöser für Hippie-Nostalgien – aber wie steht es um den aktuellen Friedensaktivismus? Wo bewegt sich was? Wie sind Friedensbewegungen mit emanzipatorischen Bildungsstrategien verknüpft? Was bedeutet das Leitmotiv „Kultur des Friedens“ für die Vermittlung von Politik und für die Beteiligung an gesellschaftlichen Gestaltungsprozessen? Und wer ist ein „Peace-Joker“ oder könnte ein solcher sein?
Lena Freimüller, Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, European Peace University Schlaining & Peace in Action, PIA